Die Steinbrüche um Altenbeuern

Eine kleine Gruppe von vier Mühlsteinbruchstücken aus der frühmittelalterlichen Wassermühle in Dasing konnte geologisch einem Gestein zugeordnet werden, das als Sediment eines ausgedehnten Urmeers zwischen Genfer See und Oberösterreich in der Zeit des Helvetikums, einem Abschnitt der späten Kreidezeit, abgelagert worden war. Im Gestein eingeschlossene Schalen von „Riesenaustern“ und Seeigeln belegen, dass es sich um eine Schelfzone von kaum 20-50 m Wassertiefe handelte. Infolge des Zusammenstoßes der „afrikanischen“ mit der „eurasischen Kontinentalplatte“ wurden die nördlichen Kalkalpen im Alttertiär vor rund 40-60 Mio. Jahren aufgefaltet und die helvetischen Meeresablagerungen überschoben. Dabei stellte sich der nördliche Schichtkopf auf und bildete einen rund 60 Grad geneigten Gesteinskörper, den Hörer Berg bei Altenbeuern (Gemeinde Neubeuern). Die mittel- bis grobkörnigen glaukonitischen Meeressande dieser sog. Schwarzerz-Fazies, zu der auch die später kurz erwähnten Felsköpfe des Altenbeurer Bürgls und des Eckbichls gehören, bestehen aus gut gerundeten Quarz- und Feldspatkörnern, die mit einem kalkigen Bindemittel fest zu einem grau-beigefarbenen Sandstein verbacken sind. Der Volksmund bezeichnet ihn treffend als „Haberkörndlstein“; in der Fachgeologie wird er als „Neubeurer Mühlsandstein“ beschrieben.

Die Steinvorkommen in und um Neubeuern sind eng begrenzt und wegen ihrer paläontologischen Einschlüsse gut erforscht. Im Dünnschliff sind kleinste kalkschalige Urtierchen, Mikrofossilien wie zum Beispiel Foraminiferen zu erkennen, die als Leitfossilien eine wichtige Rolle spielen

Der Steinbruch am Hörer Berg bei Altenbeuern

Mühlsteinbruch Neubeuern

Mühlsteinbruch in Neubeuern

Das Steinvorkommen bei Hinterhör war den Geognosten des 18. Jahrhunderts noch gut bekannt, weil sie schon sei undenklichen Zeiten zu Mühlsteinen gebrochen und „baynahe im ganzen Lande“ verhandelt wurden.

Die archäologischen Funde aus der Wassermühle von Dasing lieferten zum ersten Mal ein Indiz, dass die Hinterhörer Mühlsandsteine schon im Frühmittelalter, nämlich seit dem 8. Jahrhundert, abgebaut worden sind. Der Abbau kann durch Schriftquellen über 1100 Jahre bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts verfolgt werden. Allerdings beleuchten die Schriftquellen immer nur kurze Zeitabschnitte, vornehmlich solche, die durch besondere Ereignisse, vor allem durch Rechtsstreitigkeiten, gekennzeichnet waren.

Der bewaldete Härtling des Hörer Bergs ragt rund 25 m aus seiner hügeligen Umgebung heraus. Die Südflanke ist mit 60 Grad so steil aufgefaltet, dass der Fels dort nie mehr als eine dünne Moosschicht tragen konnte; er war Prospektoren leicht zugänglich. Auf seiner Nordseite dagegen ragt ein scharfer Grat des Schichtkopfs mit seiner markanten Felsnase aus der Kuppe; der Fuß war durch Verwitterungsschutt bedeckt. Der Hörer Berg besitzt eine birnenförmigen Grundform von 183 m Länge und 177 m größter Breite. Insgesamt kennen wir drei Abbaufelder:

  • den großen Steinbruch an der Westspitze
  • einen kleinen Einschlag im Osten
  • und eine flächige Abarbeitung am Fuß der Südflanke

Geotop und Denkmal

Der Hinterhörer Steinbruch ist glücklicherweise so erhalten geblieben, wie er in der Mitte des 19. Jahrhunderts verlassen wurde. Heute genießt er den Schutz durch Natur- und Denkmalschutzgesetze. Er zählt zu den 100 schönsten Geotopen des Landes und gehört zu den eindrucksvollsten Zeugen des alten Steinhauerhandwerks in Bayern. Aber auch als Ökotop brauchen aufgelassene Steinbrüche unseren Schutz, um den Lebensraum für seltene Kleintierarten zu erhalten, die sich hier ansiedeln und ungestört entfalten können.

„Darglsteine“

Darglstein im Weiler Pinswang / Neubeuern

Darglstein im Weiler Pinswang / Neubeuern

Am Hörer Berg hat man jedoch nicht nur Mühlsteine gebrochen. Nachdem wir nun unfertige Stücke aus der Wand des Steinbruchs und keine umherliegenden Rohlinge kannten, gingen wir auf die Suche nach fertigen Mühlsteinen in den Wassermühlen der Umgebung. Örtliche Helfer machten uns auf Steine aufmerksam, die der Volksmund als „Dargelsteine“ bezeichnet. Sie sehen auf den ersten Blick tatsächlich wie Mühlsteine aus. Es handelt sich um Steine von rund 1 m Durchmesser, die meist dichter (bis zu 0,5 m). manche aber auch im Verhältnis von Durchmesser und Dicke auffallend größer waren als die üblichen Mühlsteine. Viele besitzen runde Augen wie alle Mühlsteine, jedoch keine schwalbenschwanzförmigen Ausarbeitungen für die Mühlenhaue; andere haben ein quadratisches Loch, wie man es gelegentlich von Schleifsteinen her kennt, damit der Stein mit Keilen besser auf der Welle fixiert werden konnte.

Die Bezeichnung Darglstein verweist auf seine Funktion. Darkel, Dergl, Deargl war jene Speise aus Mehl und eiern, die zu weich ausgefallen, d.h. missraten war. Umgangssprachlich ist es der Begriff für eine matschige Masse; dargeln als Tätigkeitswort meint auch mengen, vermischen, was ausgezeichnet zu der Arbeit passt, die mit diesen Steinen verrichtet wurde: Es handelt sich um die Steine von sogenannten Kollergängen (Rollenmühle, Schlepp- oder Walzenmühle);, bei der die Steine über die zu quetschende Masse senkrecht geschoben und gerollt werden.

Basisplatte Kollergang

Basisplatte eines Kollergangs aus Mühlsandstein

Im „Koller“ steckt das Verbum kullern aus dem mittelhochdeutschen keulen, kugelen, Kulle. Die Technik des Kollergangs ist sehr alt. Man kennt sie schon aus der Antike des Mittelmeerraums, wo sie den Walzen und Quetschen von Oliven und Weintrauben diente, um die Masse besser pressen zu können. Die älteste Erwähnung finden wir bei Cato dem Älteren (M. Porcius Cat, 234-149 v. Chr.); er nannte sie trapetum (trepein, griech. drehen), bei dem der einzelne oder zwei Steine in einer schalenförmigen Hohlform gedreht wurden. Der aus Spanien stammende Columella (L. lunius Moderatus Columella, 1. Jahrhundert n. Chr.) bezeichnete sie als mola olearia (Olea, lat. Olive).

Im Neuhauser Hof in Pinswang ist ein Kollerstein mit der zugehörigen Basis von 1,4 m Durchmesser erhalten geblieben. Auf der runden Grundplatte aus Granit mit seiner ringförmigen Rollbahn wurde der Kollerstein von bis zu vier Personen um die Mittelachse geschoben. Was in den Kollergängen zerquetscht wurde, ist klar: Obst, Früchte wurden gemostet und zu Obstessig vergoren; der Saxenkamer Birnenschnaps ist heute noch ein beliebtes Qualitätsprodukt. Früher soll hier auch Wein angebaut worden sein.

Mit dem Darglstein verbindet sich eine interessante Frage: Wie kam die Technik des Kollergangs in die bäuerliche Welt der abgelegenen Weiler?

Denn allgemein verbreitet war der Kollergang im späten Mittelalter hierzulande nicht. Zu denken ist vor allem an die Kontakte der Inn-Schiffleute mit südtiroler Weinhändlern, die die antike Technik des Kollergangs kannten. Vielleicht geht sogar die volkstümliche Bezeichnung Dargl auf das romanische Torkl (torculum, lat. Presse) zurück.

Das Wagner „Bürgl“

Mühlsteine am Bürgl

Mühlsteine am Bürgl

Es handelt sich zum einen um das nahegelegene, nach einem ehemaligen Besitzer benannte Wagner-Bürgl, einen bewaldeten Härtlingszug rund 300 m westlich des Hörer Berg, der sich rund 15 m über seine Umgebung erhebt.

Auf einer Fläche von 110 x 116 m wurde die fast senkrecht stehende Helvetikum-Schicht in einer Scharte bis auf eine Tiefe von 18 m abgebaut. An ihren Rändern bzw. Lagerfugen finden sich schöne Werkspuren von Mühlsteinen. Mit einem geschätzten Volumen von rund 1800 m³ war der Abbau beträchtlich. Allerdings lässt sich nicht abschätzen, in welchem Umfang auch grobes Hausteinmaterial für den Hausbau gebrochen wurde.

Vor allem im nordwestlichen und südöstlichen Bereich des Steinbruchs finden wir Spuren einer jüngeren Abbautechnik am Eingang der Grube im Nordwesten. 1604 heißt es, dass der Steinbruch nicht mehr viel abwirft. 1793 vererbt Josef Schneebichler das Bürgl seinem Sohn als Schlif-Mühl- oder was auch immer Steinbruch. Historisch wissen wir über den Mühlsteinabbau so gut wie nichts.

Schleifsteine rund um den Neubeurer Schloßberg

Die Wolfsschlucht - Schleifsteinbruch

Die Wolfsschlucht – Schleifsteinbruch

Der Stein hat vielen Menschen im oberen Inntal Arbeit und Brot gegeben. Aufgrund der Schriftquellen gewinnen wir den Eindruck, dass man in Neubeuern seit dem 17. Jahrhundert noch andere Produkte herstellte, die in der Landwirtschaft und dem Gewerbe gebraucht wurden: Schl(e)iffstein. Obwohl man aufgrund der formalen Ähnlichkeit im ersten Moment an eine Verbindung zum Mühlsteinabbau denkt hat die Schleifsteingewinnung jedoch weder handwerklich noch traditionell etwas mit der mittelalterlichen Mühlsteintradition von Altenbeuern zu tun; sie nutzt lediglich die gleichen geologischen Formationen, aus denen auch der Neubeurer Schloßberg besteht.

Bei den Schleifsteinen handelt es sich um rund 30-60 m große, knapp 10 cm starke feinkörnige Steinscheiben, die auf einen Holzbock montiert, mit der Handkurbel montiert, mit der Handkurbel gedreht wurden. Das Auge war in der Regel quadratisch, um dem Stein auf der Welle durch eingeschlagene Holzkeile festen Halt zu geben. Die Erfindung der Kurbel ist erst seit dem frühen Mittelalter belegt; die ältesten Quellen stammen aus dem 9. Jahrhundert. Jede Schmiede und jeder Bauernhof besaßen einen Schleifstein zum Schärfen von Werkzeug, Messern, Äxten und landwirtschaftlichem Gerät.

Die Abbauspuren von Schleifsteinen sind, was ihre Technik betrifft, höchstens durch die geringe Dicke der Steinscheiben vom Mühlsteinabbau zu unterscheiden. Es sind vor allen Dingen Bereiche am Westfuß des Schloßberges, an der Sailerbachstraße, am Eckbichl, der Schloßbergabfahrt und in der Wolfsschlucht, die das geeignete feinkörnige Steinmaterial lieferten. Die Schleifsteingewinnung wird allerdings nur einen geringen Teil des Steinabbaus ausgemacht haben, wenn man die mächtigen Abbruchwände in der Wolfsschlucht vor Augen hat.

Grünsandstein

Grünsandstein

Aus bestimmten Schichten des feinen Grünsandsteins konnte man sogar Wetzsteine fertigen, wie sie der Bauer zum Schärfen der Sense am Gürtel trug. Diese einfachen, rund 20 cm langen stabförmigen Steine sind aus dem Gedächtnis völlig verschwunden; nur wenige Exemplare fanden ihren Weg ins Museum. Sie schienen zu unwichtig und wertlos, um aufgehoben zu werden, obwohl sie nicht nur ein wichtiges Werkzeug in der bäuerlichen Lebenswelt sondern auch mit ihrem Steinbruch auch ein Teil der dörflichen Arbeit waren.

Wie alt die Wetzsteinherstellung von Neubeuern ist, wissen wir noch nicht. Ob sich darauf der „Schiffsteinbruch“ „ob der pur“ bezieht, ist unklar – Schleifstein und Wetzstein werden sprachlich oft nicht genau genug differenziert.. Welche Dimension der Wetzsteinabbau jedoch besaß, zeigen mehrere Schriftquellen: Meist waren es Kleinhäusler aus Altenmarkt, die die Steine brachen; auf ihrer Wohnstatt lag die „Gerechtsame“, das Privileg zur handwerklichen Herstellung dieser Steine. 1611 verzeichnet das Beizollgefälle der Kurbayer. Hofkammer, das 446 Schliffsteine und an die 700 Wetzsteine, aber nur 24 Gannze Milstain (drei davon auf dem Wagen, die übrigen zu Wasser auf dem Inn) verhandelt wurden.

Durch Zufall hat sich eine sehr wichtige Schriftquelle erhalten: Es handelt sich um ein Rechnungsbuch aus den Jahren 1845 – 1891, das Wolfgang Bock aus Altenmarkt geführt hatte.

Saxenkam

Mühlstein bei Saxenkam

eingewachsener Mühlstein bei Saxenkam

Auch der Weiler Saxenkam besaß einen kleinen Mühlsteinbruch am Weg nach Wieslering. Er liegt im Wald an einem von Wasserrissen freigespülten Felsgrat. Der Bruch ist nur knapp 30 m lang, sein Abbau zeit sich an der rund 5 m hohen Westwand in Form von drei Abbausäulen einer bestimmten Abbautechnik und sieben Mühlsteinabrissen im Norden