Verirrt: Der „Graue Stein“ von Oberaudorf

Grauer Stein Oberaudorf

Grauer Stein Oberaudorf, auf der Nordwestseite zwei mit dem Spitzeisen eingepickte Mühlsteinscheiben

In Dasing fanden sich mehrere Mühlsteineaus alpinen Umwandlungsgesteinen (sog. Metamorphite), deren Beschaffung uns vor ziemliche Verständnisprobleme stellte. Einerseits war kaum erklärlich, wie man zum Teil stark glimmerhaltige Augengneise und andere, durch Druck und Hochtemperatur umgewandelte Tiefengesteine als Mühlstein verwendet konnte, deren Komponenten splitterig und wenig abriebfest waren. Andererseits schien fraglich, wie die Dasinger Wassermüller an Steine aus dem alpinen Gebiet um den Brenner, das Silvretta-Massiv oder dem, wie es die Geologen nennen, „Tauernfenster“ in den Zentralalpen gekommen sein konnten. Wurden die nicht gerade leichtgewichtigen Mühlsteine über Berg und Tal an den Lech verfrachtet? Obwohl die Herkunftsgebiete damals in bajuwarischer Hand waren, deutete sich bald eine ganz andere Erklärung an, auf die wir durch unsere Forschungen im Inntal gestoßen waren.

 

Die Lösung lag in der Tatsache, dass der Inngletscher in den Eiszeiten zahlreiche Findlinge, sog. erratische Blöcke auf seinem Rücken mitgebracht und in den Alpentälern und im Alpenvorland abgelagert hatte. Eindrucksvolle Beispiele sind der mächtige Gneis  bei 20 t schwere „Stoa von Edling“Findling von Steinwies bei Bad Feilnbach oder der „Stoa von Edling“ bei Wasserburg am Inn.

Keiltaschenreihe auf der Ostseite des Grauen Steins

Keiltaschenreihe auf der Ostseite des Grauen Steins

Der Graue Stein bei Oberaudorf ist nicht nur ein eindrucksvolles Beispiel erratischer Blöcke, was die Größe und das geschätzte Gewicht von 25 t betrifft. Er liegt an der westlichen Talflanke auf einer Höhe von rund 200 m über dem Inn und zeigt ringsum deutliche Spuren des Menschen, der versuchte, den Granit mithilfe verschiedener Techniken zu zerlegen. Am Grauen Stein lernen wir eine der ältesten Methoden kennen, mit der schon die Ägypter ihre Obelisken aus dem Berg sprengten: Die Keilspaltung. Bei dieser heut noch üblichen Technik wurden in regelmäßigen Abständen Löcher in den Stein geschlagen. In diese Keiltaschen schlug man nacheinander so lange Eisenkeile ein, bis sich der Druck an der schwächsten Stelle entlud und den gewünschten Teil absprengte. Der Oberaudorfer Findling zeigt auf seiner Ostseite sechs mächtige Keiltaschen von bis zu 17 cm Länge, 7 cm Breite und 9 cm Tiefe. Die Größe der Löcher deutet auf die Verwendung von (Buchen) Holzkeilen, die man trocken einsetzte und durch Übergießen mit Wasser zum Quellen brachte – allerdings bleibt die Technik an dieser Stelle erfolglos, der Stein war härter.

Auf der Westseite wurden drei weitere Keillöcher in einen natürlichen Riss geschlagen, um eine 0,3 – 0,5 m starke Platte abzuspalten, was allerdings ebenfalls misslang. An der westlichen Außenseite sind nebeneinander zwei 1,4 m große Kreise eingepickt, die beweisen, dass die Scheibe für zwei Mühlsteine abgesprengt werden sollte. An den anderen Seiten zeigen scharfe Bruchkanten, dass die Abspaltung einzelner Partien schon gelungen war. Am Kopf des Steins schließlich erkennt man den Rest eines Bohrlochs, mit dem die Spitze mit einem Keil abgesprengt worden war.

 

 

Die Aufarbeitung umherliegender Findlinge haben schon die Geologen des 18. und 19. Jahrhunderts beobachtet und kritisiert, weil sie als wertvolle Zeugen der Geologie einen charakteristischen Bestandteil der Landschaft bildeten und deshalb erhalten bleiben sollten. Dass wir sie heute unter Schutz stellen, ist eine Selbstverständlichkeit.